Nicht jedes Glitzern ist ein Klischee

Klischee
 
Hallöchen, lieber User. 
 
Schön, dass du dich zu Teil 9 des Projekts „Wie erstelle ich einen RPG-tauglichen Charakter?“ eingefunden hast. Dieser Teil ist ein kleiner Exkurs in die Welt der Klischees und Stereotypen. Der billigen 0815-Charaktere, wie sie überall dort zu finden sind, wo das Niveau eine Handcreme ist. Allerdings behaupte ich, dass es keinen Charakter gibt, der nicht mindestens ein Klischee in sich vereint. Du glaubst mir nicht? Dann lies doch einfach weiter 😉
 

1. Was ist ein „Klischee“?

Wenn man „Klischee“ hört, verdreht man unweigerlich die Augen. Allein das Wort „Klischee“ an sich ist also schon mit schlechten Erfahrungen/Meinungen/… behaftet. Doch weswegen? Betrachten wir doch einfach mal die „Arten“ von Klischees:
 
• Nicht gelungene Kopie/Abklatsch einer Vorlage
• Eingefahrene Meinung und Vorurteil
• Stereotyp
• „Viel Text ohne Inhalt“ bzw. „Leeres Gerede“
 
Jede Form des Klischees beeinflusst eine andere. Man wird also nie frei von einem Klischee sein.
 
Klischee als nicht gelungene Kopie/billiger Abklatsch einer Vorlage
Leider neigen besonders Charaktere, die auf Grundlage bereits vorhandener Serien entstehen, dazu, zu einem Klischee zu werden. Vielleicht sieht der Steckbrief noch „perfekt“ aus. Doch spätestens im Posting entpuppt sich der Charakter als flach und nicht annähernd so dargestellt, wie er in der Serie zu sehen/zu hören/… ist. Dabei liegt das weniger an der Schreibfähigkeit des Spielers, als an der Tatsache, dass man Vorlagen nicht 1:1 wiedergeben kann. Der Schreiber lässt den Charakter so agieren, wie er meint, dass das Original handeln würde. Das gefällt seinem Mitspieler dann wiederum nicht, weil er eine ganz andere Meinung von dem Charakter hat und stempelt den Charakter des PPs als billigen Abklatsch ab. Daraus entsteht auf beiden Seiten Unmut. 
 
In diese Kategorie gehören auch Charaktere, die man schon 1000 Mal gesehen hat. Oder man meint, sie 1000 Mal gesehen zu haben. Alle scheinen die gleichen Eigenschaften zu haben und sich identisch zu verhalten. Dabei wird der 1000. Charakter noch schlechter dargestellt, als seine Vorgänger. Böse ist, wer hier nach Vorurteilen schreit. 
BÄM perfekter Übergang!
 
Klischee als eingefahrene Meinung und Vorurteil
Jeder kennt sie, jeder hat sie. Seine eigenen kleinen Vorurteile. Manche sind gut gehütet und werden niemals überdacht und manche finden ihren Weg in die Freiheit. Es ist schwer, einen Charakter zu erstellen, der nicht bei mindestens einem PP eine vorgefertigte Meinung hervor ruft.
 
Beispiel: „Killy“ kämpft sich durch das Leben, indem er andere bestielt. 
Wer hat zu diesem Satz nicht direkt ein Bild von einem Charakter im Kopf? Wer beschränkt sein Bild nur auf diesen einen Satz? Ich wage zu behaupten, dass das kaum einer tut. Fakt ist, dass allein die Tatsache, dass Killy stiehlt, verschiedenste Meinungen in den Menschen hervorruft. Von Sozialschmarotzer, über Krimineller, bis hin zu Abschaum werden alle möglichen Vorurteile erscheinen. Erst, wenn man offen für weitere Informationen über den Charakter ist, wird man dieses Vorurteil überwinden können. Oder auch nicht, wenn die weiteren Punkte die eigene Befürchtung bestätigen.
 
Klischee als Stereotyp
Stereotypen sind Eigenschaften, die gewissen Gruppen zugeschrieben werden. Also eine Frau kann nur …, ein Mann kann nur …, blonde Frauen sind dumm, usw. Diese Art der Klischees verschwimmt meist mit den Vorurteilen und ist schwer davon abzugrenzen.
 
Stereotypes Verhalten dagegen beschreibt Verhalten, das ‚typisch‘ männlich oder ‚typisch‘ weiblich ist. Hier gibt es klare Unterscheidungen, was eine Frau tut und was nicht. Das Gleiche auch für den Mann. „Das ist nicht damenhaft“ entspringt übrigens der stereotypen Sichtweise davon, wie sich eine Frau zu verhalten hat. 
 
Klischee als „viel Text ohne Inhalt“ bzw. „Leeres Gerede“
Ich schätze, dass bei meinen bisherigen Beiträgen sicherlich das ein oder andere „Blabla“ dabei war. Keiner schreibt nur das, was wichtig und nützlich ist. Vieles wird dazu geschrieben, weil man der Meinung ist, man müsste nochmal und nochmal und nochmal erklären, worauf man hinaus will. Allerdings gibt es auch Texte, bei denen man sich regelmäßig denkt: „Was soll ich damit jetzt anfangen?“ Dabei liegt hier das Problem weniger an mangelnder Rechtschreibung, als an der Tatsache, dass der Schreiber einfach nicht „auf den Punkt kommt“. Da werden Floskeln aneinander gereiht, vielleicht noch ein oder zwei Gedanken des Charakters und das war es dann auch schon. Weiterhin wird die Umgebung beschrieben. Wieder. Und wieder. Und wieder. 
 
Du merkst also, dass ich hier schon so meine Erfahrungen gemacht habe und damit nicht mehr ganz vorurteilsfrei schreiben kann. Was die Annahme bestätigt, dass sich alle Arten von Klischees aufeinander beziehen 😉
 

2. Wie geht man mit Klischees um? 

Am aller wichtigsten ist es, sich der Tatsache bewusst zu sein, dass man immer von Klischees umgeben ist. Selbst in Redewendungen sind Vorurteile oder Stereotypen vorhanden. Es ist etwas, das man nicht von sich weisen kann. Niemand kann sich darüber erheben und behaupten, dass er „ohne Klischees“ wäre. Das würde unter Anderem auch voraus setzen, dass er nie leere Worte von sich geben würde. Genauso ist es mit den RPG-Charakteren. Kein Charakter ist klischeelos. Bei manchen sind zwar offensichtlichere Klischees eingebaut (z.B. stereotype Verhaltensweisen), aber das muss nicht sein. Ein Charakter hat seine eigene Meinung, er hat seine Vorurteile und er hat sicher auch hier und da Momente, in denen er nicht der perfekte Redner ist. Das alles macht ihn in verschiedenster Art zu einem ‚klischeehaften‘ Charakter.
 
Wir haben jedoch festgestellt, dass Klischees eher mit schlechten Erfahrungen behaftet sind. Wie kann man das jetzt vereinen?
 
Die Antwort wird nicht jedem gefallen: Man muss sich an seiner eigenen Nase fassen und seine „Vorurteile“ zu den Klischees überdenken. Denn negative Erfahrungen bestärken nur die eingefahrene Meinung, dass ein Klischee falsch ist. Dabei ist „Klischee“ nur ein Wort. Erst die Erfahrungen machen aus diesem Wort eine verpönte und nie gewollte Eigenschaft.
 
Wie wäre es also, mit ein paar Denkanstößen?
 
• Hast du diesen Charakter wirklich schon 100 Mal gesehen? Findest du Eigenschaften, die sich unterscheiden?
• Kannst du deinem PP nicht einfach sagen, dass deine Sicht von dem vorgefertigten Charakter XY anders ist, als er ihn darstellt?
• Kannst du den vorgefertigten Charakter deines PP trotz der Unterschiede zum Original lieben lernen?
• Ein Vorurteil schleicht sich in deine Gedanken. Wie wäre es, dem Charakter trotzdem die Chance zu geben, ihn näher kennen zu lernen?
• Blond, blauäugig und blöd? Wenn du mit den Augen rollst, dann schau dir den Steckbrief nochmal an. Gibt es Punkte, die du trotzdem magst?
• Kann das ’sinnlose Blabla‘ in einem Post irgendwie gegen den betreffenden Charakter gewendet werden? (Jah, hier bin ich gern mal böse <D Es reicht ja auch schon ein sarkastischer Kommentar von einem anderen Charaker)
 

Schlusswort

Klischees haben meistens einen ekelhaften Beigeschmack. Sie werden überstrapaziert oder einfach falsch eingesetzt. Dabei steckt selten böser Wille dahinter. Doch das falsche Nutzen von Klischees bestätigt auf anderen Seiten wieder Vorurteile und ein endloser Kreislauf an Abneigung entsteht. Hier muss jeder seine Meinung hinterfragen und herausfinden, ob er seine Sorge, wieder ein RPG in der Klischeehölle versinken zu sehen, irgendwie schwächen kann. Denn man steht sich immer selbst im Weg. Sich mit seinen PPs darüber auszutauschen kann helfen und wer weis? Vielleicht trauen sich dann mehr ‚klischeehafte‘ Charaktere in das RPG.
Denn:
Klischees können auch gewollt eingebaut worden sein, um dem Charakter ein wenig Pfiff zu verleihen.
 
In dem Sinne.
Grüße,
ich